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Das Dach der Welt

800 Yuan (80 Euro) hat mich der Deal mit dem Busfahrer gekostet. Gegenleistung: er befördert mich nach Lhasa und schmiert die Beamten an den Checkpoints auf dem Weg. Dazu sollte ich kurz die Situation in Tibet erklären: Aufgrund der instabilen politischen Lage und der Sympathie im Westen für tibetische Autonomiebestrebungen hat China ein System zur strikten Kontrolle westlicher Touristen in Tibet eingeführt: Man braucht eine Einreisegenehmigung, eine Genehmigung zum Reisen in Tibet, und darf nur bestimmte Zonen in Tibet überhaupt bereisen. Die Genehmigungen kosten eine Menge Geld und man bekommt sie im Prinzip nur wenn man sich einer Reisegruppe mit offiziell anerkanntem Führer und Rundumversorgung anschließt (= Pauschalreise).

Nachdem ich meine Arbeit bei Goldwind Science & Technology beendet hatte machte ich mich auf Richtung Tibet. Zuerst 14 Stunden mit dem Zug von Urumqi nach Lanzhou, einer mittel kleinen Millionenstadt im Zentrum Chinas, die unter dem traurigen Titel „dreckigste Stadt der Welt“ bekannt ist. Von dort wollte ich den legendären Tibet Railway nach Lhasa nehmen, die höchste Eisenbahn der Welt. Die Tickets für diese einmalige Eisenbahnstrecke scheinen aber so beliebt zu sein, dass man sie als Normalsterblicher gar nicht am Schalter kaufen kann, sondern nur zu einem Vielfachen des üblichen Preises über irgendwelche Unterhändler oder Reisebüros erwerben kann. Außerdem braucht man wie erwähnt die Einreiseerlaubnis und muss sich so wohl oder übel auch einer Reisegruppe anschließen.

Vor allem aus finanziellen Gründen und um mir letztere Unannehmlichkeit zu ersparen, entschied ich mich für den Weg über den Busfahrer. Von Golmud, dem letzten chinesischen Vorposten vor der tibetischen Grenze ging es dann 24 Stunden über die 4000 bis 5000 m hohe tibetischen Hochebene bis nach Lhasa. Unter den Fahrgästen in dem klapprigen Sleeper-Bus waren neben tibetischen Händlern und Mönchen noch ein paar Chinesen, die sich so reichlich mit Sauerstoffkartuschen und anti-AMS Cocktails (AMS – acute mountain sickness) eingedeckt hatten, dass sie sich in ihrer Koje kaum umdrehen konnten. Ich konnte das ohnehin nicht. Die Schlafkojen hatten gerade einmal die eine Größe, dass es oben und unten sowie seitlich klemmte wenn ich mich hineinlegte.

Die Strasse nach Lhasa führt über drei 5000er Pässe. Schon bei der Auffahrt auf die Hochebene fing mein Kopf an zu dröhnen. Es kam langsam, Meter für Meter Aufstieg wurde das Kopfweh stärker. In dem Bus breitete sich ein Mief aus Schweiß, Erbrochenem und kaltem Rauch aus. Mitten in der Nacht murmelte ein Tibeter hinter mir in gebrochenem Englisch, ich solle auf keinen Fall einschlafen, da das das Kopfweh nur verschlimmern würde. An Schlaf war aber in meinem Zustand sowieso nicht zu denken. Der Straßenbelag hatte teilweise den Zustand eines frisch gepflügten Ackers. Ohne die Augen zu oeffnen spuerte ich durch das stärker werdende Kopfweh und vermehrte Atemnot wenn der Bus wieder einen Pass hinaufkletterte.

Angekommen in Lhasa (3700 m) war alles wieder normal, die Tortur im Bus hatte mich wenigstens an diese Höhe angepasst – und ich habe vor lauter AMS ganz vergessen, dass ich ja eigentlich illegal unterwegs war. Lhasa hat eine schöne tibetische Altstadt, mit engen Gassen, Massen an Pilgern aus allen Teilen Tibets und vielen gemütlichen tibetischen Restaurants mit oft nicht mehr als zwei Tischen, in denen man Yakbuttertee, frischen Ziegenjoghurt und eine Auswahl recht fleischlastiger Speisen bestellen kann.Auf der Reise nach Lhasa hatte ich eine junge Chinesische Abenteurerin kennengelernt. Zwei Tage nach uns traf auch mein Bruder mit Freundin in Lhasa ein. Sie hatten sich ueber eine andere Route auch ohne Erlaubnis eingeschlichen.

Zu viert planten wir nun eine mehrtägige Trekking Tour ohne Führer und Rundumbetreuung in den Bergen nördlich von Lhasa.\u003cbr /\u003e\u003cbr /\u003eAusgeruestet mit Zelt, Schlafsack, Lebensmitteln für acht Tage (hauptsächlich getrocknetes Yakfleisch, Nudeln und Kekse) und 28 l chemischem Sauerstoff für Notfälle machten wir uns auf den Weg. Der öffentliche Bus (den wir offiziell auch nicht hätten besteigen dürfen, weil keine Genehmigung) brachte uns in einen kleinen Ort 60 km nördlich von Lhasa. Von hier aus wollten wir den Nyanqingtangula Gebirgszug zu Nam Tso (4800 m), dem höchsten Salzsee der Welt überqueren.

Ausgerüstet mit Zelt, Schlafsack, Lebensmitteln für acht Tage (hauptsächlich getrocknetes Yakfleisch, Nudeln und Kekse) und 28 l chemischem Sauerstoff für Notfälle machten wir uns auf den Weg. Der öffentliche Bus (den wir offiziell auch nicht hätten besteigen dürfen, weil keine Genehmigung) brachte uns in einen kleinen Ort 60 km nördlich von Lhasa. Von hier aus wollten wir den Nyanqingtangula Gebirgszug zu Nam Tso (4800 m), dem höchsten Salzsee der Welt überqueren.

Am ersten Tag versuchten wir möglichst wenig aufzusteigen, um nicht gleich wieder mit AMS konfrontiert zu werden. Wir stiegen ungefähr 100 m auf 4400 m und errichteten unser Nachtlager. Am nächsten Tag wollten wir einen kräftigen Aufstieg von 400 m hinter uns bringen und für die folgende Nacht wieder etwas absteigen. Seicht ging es zwischen Yakweiden nach oben, bis wir auf halber Strecke in starken Regen kamen. Durch Regen und Sauerstoffmangel erschöpft beschlossen wir auf halber Höhe die Zelte aufzuschlagen und uns etwas auszuruhen.

So schnell auf einer so großen Höhe zu schlafen war ein großer Fehler, denn am nächsten morgen hatten zwei von uns vieren starke Symptome von AMS und wir mussten sofort mit dem Abstieg beginnen, wobei der grösste Teil des Gepäcks auf die restlichen zwei verladen werden musste.Nach zwei Nächten Akklimatisierung auf 4400 m waren wir alle wieder guter Dinge und machten einen zweiten Ansturm auf den Gebirgszug. Unterwegs trafen wir viele tibetische Nomaden die uns zu einem Yakbutteretee mit Zamba (mit Joghurt verknetetes angeröstetes Gerstenmehl, nicht jedermanns Geschmack) einluden, oder die sich Abends neben unser Zelt setzten und einfach nur extrem interessiert zuschauten wie wir leben.

Am siebten Tag nahmen wir den Pass in Angriff. Nachdem wir unser Lager auf 5300 m aufgeschlagen hatten (Mit AMS hatten wir durch den langsamen Aufstieg kein Problem mehr) suchten wir nach einer Lücke um die Berge zu überqueren. Die Nomaden, gut wie sie es mit uns meinten rieten uns umzudrehen und erklärten uns die Hänge seinen hier senkrecht, keine Chance zum Durchkommen. Dabei konnte man die Nomaden oft in Socken die steilsten Hänge hochrennen sehen, um irgendwo ein verloren gegangenes Yak einzufangen.

Obwohl wir nicht unter AMS litten, war die Höhe doch deutlich spürbar. Sie macht einen träge, kraftlos, größenwahnsinnig, verrückt. Mit Schritten kleiner als eine Schuhlänge und häufigen Pausen zum Luftholen kämpften wir uns eine Schottermoräne nach oben, an deren Ende ein noch steilerer Geröllberg wartete, hinter dem wir die andere Seite erwarteten. Nach einem schier endlos anmutenden Gekletter durch Geröll und über Felsen erreichten wir den Pass und stiegen auf der anderen Seite ab, froh die so menschenfeindliche Zone über 5000 m zu verlassen. Dazwischen entstand irgendwo über 5600 m ein Gipfelfoto.

Am Tag darauf erreichten wir den See, wo wir ein paar Nomaden trafen, die bereit waren uns für ein paar Dollars auf Ihren Motorrädern die 60 km zurück zur Strasse zu fahren, von wo wir uns einen Bus zurück nach Lhasa nahmen.

Wu Lu Mu Qi – 乌鲁木齐

Was vor einigen Jahrzehnten noch eine kleine uighurische Oase war ist inzwischen eine Stadtmonstrum nach chinesischem Maßstab. Stürzt man sich hinein in das Leben weiß man manchmal nicht, ob man gerade in Shanghai, Istanbul oder Moskau ist: Sei es der uighurische Ananasverkäufer, der seine Kunden im Schatten eines chinesischen Wolkenkratzers mit russischem Techno anlockt oder der chinesische Schuhputzer, der einem einem in fließendem russisch erzählt die uighurischen Frauen seien die schönsten. Die Chinesen nennen Urumqi: „Wu lu mu qi“.

Meine Wohnung liegt in der „Urumqi special technologic and economic development zone“, ca. 12 km nördlich vom Zentrum. Wie überall in China ist auch hier der Name aufregender als das was dahinter steckt: Im Grunde genommen ein ganz normales, etwas wohlhabenderes Stadtviertel. Meine Wohnung ist groß und modern eingerichtet: Computer mit DSL Anschluss, Gästezimmer. Direkt vor meiner Haustür habe ich einen uighurischen Schaschlikmann, einen Hühnchenverkäufer (lebendige Hühner, muss man vielleicht beifügen) und einen kleinen Ramschmarkt (mit Ramsch meine ich die ganzen nützlichen chinesischen Alltagsgegenstände, die beim ersten mal Benutzen kaputt gehen).

Als ich am ersten Morgen das Fenster geöffnet habe, um etwas frische Luft herein zu lassen, kam mir ein stechender Geruch nach Schwefel und Kohle entgegen. Der Himmel war orange-braun vor Smog. Das Problem besteht in vielen chinesischen Großstädten. Oft wird nur mit Kohle geheizt, und da die Anlagen extrem veraltet sind wird der ganze Dreck in die Luft geblasen. Die beiden Holländer, die hier auch gerade Praktikum machen, erzählten mir, im Winter sei noch viel schlimmer gewesen. In Xinjiang kann die Temperatur im Januar bis auf 40 Grad unter Null sinken. Da kann man nicht mal mehr die Spitzen der Häuser durch den Smog erkennen. Zum Glück wird es jetzt jeden Tag wärmer. Mittlerweile kann man schon den ganzen Tag im T-Shirt herumlaufen, und die Heizungen bleiben aus.

Zu meiner Arbeitsstelle sind es zu Fuß 20 Minuten. Alternativ gibt es auch den Bus für 10 Cent oder das Taxi für 60 Cent. Von den Chinesen bekomme ich oft zu hören: „Du bist doch Weißer, warum nimmst du dir nicht ein Taxi zur Arbeit?“. Um solchen Vorschlägen ein für alle mal zu begegnen habe ich mir jetzt das aller rückständigste in China gekauft – ein Fahrrad. Für umgerechnet 10 EUR ein vollgefederte Mountainbike. Leider ist es auch Ramsch, denn nach 2 Minuten Fahrt ist der Lenker abgebrochen. Der neue Lenker ist von gleichen Typ, aber ich fahre jetzt vorsichtiger.

Die Arbeit bei Goldwind, dem grössten Windturbinenhersteller Chinas, beginnt morgens mit der Einheitsgymnastik: Die gesamte Mitarbeiterschaft, von der Putzfrau bis zum Manager stellen sich für 10 Minuten auf dem Werksgelände in Reih und Glied auf und machen zu Lautsprecheranweisungen und dramatischer Filmmusik ein paar Aufwärmübungen. Danach beginnt die Arbeit in der Fertigung und den Büros. In den ersten drei Wochen wollte ich einen kleinen Überblick gewinnen, so war ich die erste Woche in der Produktionshalle, die zweite auf der Windfarm und in der dritten habe ich mir die verschiedenen technischen Abteilungen angeschaut.

Goldwind hat zur Zeit 500 Mitarbeiter. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl jedes Jahr um durchschnittlich 50% gestiegen, d. h. Zur Zeit wird fast jeden Tag ein neuer Mitarbeiter eingestellt. Das Wachstum ist an vielen Stellen in China viel zu schnell, zumindest für unsere Begriffe. Wenn man mit dem Fahrrad ein bisschen durch die development zone pendelt, sieht an manchmal Teile von alten Dörfern, die hier noch vor 10 Jahren in der Wüste standen und von dem Wachstum der Stadt einfach überrannt wurden. Einmal habe ich ein altes Bauernhaus gesehen, das mitten auf einer großen Strasse in einem sauber angelegten Industriegebiet stand.

Die Woche in der Produktionshalle war sehr spannend. Die Arbeitsweise der Chinesen ist einfach sehr beeindruckend. Vor der Arbeit ist immer eine kurze Besprechung, das heißt alle stellen sich nebeneinander auf und der Chef geht schreiend und schimpfend die Reihe auf und ab. In der Werkshalle werden die Gondeln der 0,75 und der 1,5 MW Anlage montiert. Es ist unglaublich wie viele Chinesen auf einmal an einer Maschine arbeiten können ohne sich zu stören. Oft haben die Teile der chinesischen Zulieferer eine so schlechte Qualität, dass man z. B. auf einen frisch gelieferten Generator erst mal 10 Chinesen loslassen muss die ihn instand setzen. Da wird dann gehämmert, geschliffen, gestrichen, geschraubt, geschweißt und poliert, bis der Generator so neu aussieht wie er aussehen müsste. In der Produktion wird in zwei Schichten gearbeitet, d. h. zwölf Stunden pro Schicht, und oft auch am Wochenende.

Die zweite Woche auf der Windfarm war nicht minder spannend. Wenn die Chinesen etwas bauen ist es ja immer gleich maßlos groß, so auch die Windfarm. Etwa zwei Autostunden südlich von Urumqi steht der grösste Windpark Asiens. Scheinbar ohne Ziel oder geplantes Ende wird hier einfach eine Windmühle nach der anderen in die Wüste gesetzt. Untergebracht war ich in einer Arbeiter-WG in dem Dorf „Xin jiang hua gong chang“ (chin: Xinjianger Chemiewerk, mehr dazu später). 11 Männer die in zwei Räumen wohnen ist ganz schön anstrengend. Trotzdem war es sehr nett mit den Mechanikern. Sie gaben sich sehr Mühe Englisch zu sprechen, und ich gab mir sehr Mühe Chinesisch zu sprechen. Jeden Tag ging es hoch in die Gondel (ohne Sicherheitsgurt natürlich).

Zu meiner Arbeitsstelle sind es zu Fuß 20 Minuten. Alternativ gibt es auch den Bus für 10 Cent oder das Taxi für 60 Cent. Von den Chinesen bekomme ich oft zu hören: „Du bist doch Weißer, warum nimmst du dir nicht ein Taxi zur Arbeit?“. Um solchen Vorschlägen ein für alle mal zu begegnen habe ich mir jetzt das aller rückständigste in China gekauft – ein Fahrrad. Für umgerechnet 10 EUR ein vollgefederte Mountainbike. Leider ist es auch Ramsch, denn nach 2 Minuten Fahrt ist der Lenker abgebrochen. Der neue Lenker ist von gleichen Typ, aber ich fahre jetzt vorsichtiger.

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