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Kulinarisches im Zug

Die meisten Leute in der Transsib sind bereits von traditionell Russischer Verpflegung zur chinesischen Instant-Nudelsuppe übergetreten. Mit dieser läßt sich zwar innerhalb kürzester Zeit eine warme Malzeit zubereiten, sie kann aber auch dazu führen, dass eine 3-tägige Zugfahrt mehr einem Krankenhausaufenthalt ähnelt als einer Reise. Das äußere Erscheinungsbild der meisten Mitreisenden passt auch dazu: Legere Trainingshose, Badelatschen, Unterhemd, Sturmfrisur da nicht gekämmt nach dem Aufstehen und jede Bewegung wird so langsam wie möglich gemacht um Anstrengung zu vermeiden und Zeit zu verbrauchen.

Nachdem ich in Moskau ein paar Runden gedreht habe (da in den Metrostationen kaum etwas ausgeschildert ist und meine Kenntniss des Moskauer U-Bahn Systems auch recht bescheiden ist bin ich 1,5 mal mit der Ringbahn im Kreis gefahren) saß ich im Zug Richtung Irkutsk.

Damit komme ich wieder zurück auf die chinesische Chemieindustrie: Ich selber hatte mich natürlich auch für 3,5 Tage mit den Instant-Suppen eingedeckt. Wer diese Suppen nicht kennt, es handelt sich dabei um einen Pappbecher der neben einer mini Plastikgabel ein Tütchen getrocknetes Grünzeug (rein optisch könnte es sich auch um das handeln, was eine vierköpfige Familie nach dem Essen unter dem Tisch zusammenkehrt), ein Tütchen Fleischgeschmackpulver, ein Päckchen weißes Fett und quadratisches Packet Nudeln enthält.

Dieses Packet besteht aus einer einzigen, in Schleifen gelegten Nudel. Für Europäer eigentlich nicht mit Anstand genießbar, stellt es es für den chinsischen Konsumenten kein Problem dar, da hier die Essmanieren eine dauerhafte Verbindung zwischen Teller und Mund erlauben.

Beim zusammenstellen der Suppe aus den vielen erlesenen Zutaten kann man sich schon ein bisschen wie ein Feinschmecker vorkommen. Tatsächlich ist der Geschmack, nachdem man heißes Wasser aus dem Samowar drauf gegeben hat und nach 30 s sich alle chemischen Reaktionen vollzogen haben, gar nicht so übel. Allerdings schmeckt jede Suppe genau gleich, egal ob drauf steht Hühnergeschmack, Schrimpsgeschmack oder Rindfleischgeschmack (meistens ist auf der Packung ein fettes, saftiges Steack abgebildet, was beim Kaufen die Hoffnung erweckt, das gleiche sei auch innen drin). Nach 3,5 Tagen hatte ich genug und freute mich auf drei Tage Pause in Irkutsk.

Auf der Weiterfahrt von Irkutsk nach Peking (nochmal drei Tage) war ich in einer neuen Transsib untergebracht. Mit chinesischem Fernseher in jedem Abteil (zum Glück defekt) und Tischdecke mit Lotuseffekt. Der Fernseher hatte sogar Programmwahltasten, was wirklich ein großer Fortschritt ist gegenüber dem Einheitsvolksradio das in den alten Waggons eingebaut war. Aber wie schon gesagt, der chinesische Qualitätsstandard hat mich vor drei Tagen russischem Fernsehprogramm bewahrt.

Ein Abteil teilte ich diesmal mit zwei Brüdern aus Krasnojarsk, die zum „Shoppen“ nach Peking fahren wollten (später teilten sie mir mit sie hätten vor 35 kg Digitalkameras zu kaufen und in ihrer Heimat wieder zu verkaufen) und einer Chinesischstudentin aus Ulan-Ude. Alle drei ungefähr in meinem Alter. Für Kulinarisches hatten die beiden Krasnojarsker bereits gesorgt: Wir hatten fast jeden Abend ein gebratenes Hühnchen im Abteil – das mit einer Flasche kräftigem russischen Bier runtergespült, einfach herrlich.

Unser Europa waechst

Ein klimatisierter Eurocity brachte mich nach Warschau. Die meisten von meinen Mitfahrern waren sehr beschaeftigt, zumeist mit ihren elektronischen Spielzeugen: Laptoptastaturen schnattern, ein Telefon klingelt, mein Sitznachbar studiert aus Langeweile das Menue seines Handys.

Fast alle Leute im Zug sind Polen. Deutsche scheinen nicht so viel Interesse an ihrem Nachbarland zu haben, oder sie nehmen das Flugzeug. Das hatte mir auch die nette Dame am DB-Fahrkartenschalter geraten, als ich dort ein paar Stunden vor Abfahrt mein Ticket nach Warschau gekauft habe: „Sieben Stunden dauert das – da wuerd ich ja fliegen“. Zum Glueck wusste die gute Frau nicht wo ich sonst noch so mit dem Zug hinfahr.

Warschau ist inzwischen eine Stadt wie die meisten industriell gepraegten Staedte Westeuropas: Viel Glas, viel Stahl, alles schoen sauber und ordentlich, aber wenig Kreativitaet. Aufgefallen sind mir in Polen vorallem die vielen Errungenschaften der deutschen Nachkriegsgeschichte wie Lidl, Mediamarkt und Co. So haelt wohl die deuschte Shoppingkultur auch in Polen Einzug: Immer schoen Discounter-Blaettle studieren und dann bei Schnaeppchen gezielt zuschlagen.

Drei Stunden spaeter sass ich im Zug Richtung Kiev, der Hauptstadt der Ukraine. Zusammen mit einem aelteren ukrainischen Ehepaar war ich in einem Vierbettabteil eines alten russischen Zuges untergebracht. Ich wollte mich schon wie gewoehnlich bei Zugfahrten in Deutschland meiner Lektuere widmen, als Babuschkas Stimme erschallte: „Junge, wir trinken jetzt erst mal Tee“ in einem Ton der keine Widerrede duldet. Auf dem Tisch hatte sie auch schon drei Tassen Tee und Gebaeck vorbereitet. Willkommen im Osten – welcome to the east side.

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