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Das Paris Sibiriens

Jetzt möchte ich erst ein paar Daten zu Irkutsk und Umgebung loswerden. Irkutsk hat etwa 600 000 Einwohner und ist Hauptstadt des Irkutsker Oblast (vergleichbar mit Bundesland). Russland ist in 89 Oblasti eingeteilt. Der Irkutsker ist etwa doppelt so groß wie Deutschland und beherbergt etwa 2,5 Millionen Menschen (zum Vergleich: In Deutschland leben etwa 80 Millionen Menschen). Irkutsk liegt an der Angara, dem einzigen Abfluss des Baikalsee, etwa 50 km von ihm entfernt. Irkutsk ist für russische Verhältnisse eine sehr weltoffene Stadt.

In den Zeiten des Sozialismus gehörte sie zu den wenigen Städten Sibiriens, die für Ausländer geöffnet war. Inzwischen findet man hier neben restaurierten russischen Kirchen mit Zwiebeltürmen, Moscheen, Synagogen und buddhistische Tempel. Es gibt eine große Universität, ein berühmtes Theater und die einzige Fußgängerzone Sibiriens. Auf der anderen Seite ist die Kriminalität extrem hoch und ein großer Teil der Haushalte haben immer noch kein fließend Wasser. In Irkutsk befindet sich ein riesiges Wasserkraftwerk. Der Ganze Baikal wurde dabei um mehrere Meter angestaut, so dass ganze Dörfer versanken. Bis heute wurde das Kraftwerk noch nie zu mehr als 60% ausgelastet, ganz einfach, weil die Leute nicht mehr Strom brauchen. Ansonsten lebt Irkutsk hauptsächlich von der Rohstoffwirtschaft. In den Vorstädten befinden sich monströse Holz und Erdölkombinate, außerdem wird nicht weit von hier Kohle abgebaut.

Es war ein Mittwoch, als ich das erste mal nach Irkutsk bin. Wir (Tim und ich) wollten mit unserem Kleinbus reinfahren. Zu diesem Schrottkübel muss ich noch kurz ein paar Worte loslassen. Es handelt sich um einen alten, kleinen Nissan-Van. Ich glaube jeder kennt die vom sehen: höher als lang, so schmal wie ein Trabi und ziemlich wackelig auf den Beinen. Er hat, wie viele Autos hier, das Steuer auf der rechten Seite, obwohl man hier auch auf der rechten Seite fährt. Das liegt daran, dass in Japan ausrangierte Wagen direkt hierher verscherbelt werden. Natürlich hat unser Kleinbus auch die Schrammen und Beulen, die hier einfach Pflicht für jedes Auto sind. Des weiteren hat die Fahrertür keinen Griff (mehr) und die Schiebetür geht nur halb zu. Vor jeder Fahrt muss man natürlich jegliche Flüssigkeiten nachfüllen, da alles ein Leck hat. Tanken muss man mit dem Eimer, da Benzin in Fässern billiger ist als an der Tankstelle. Während der Fahrt muss man alle 15 Minuten anhalten und die Türen aufmachen, weil der Auspuff irgendwie nach innen geleitet wird. Des Weiteren muss man nach jeder Fahrt den Schnee aus dem Kofferraum schaufeln, weil dort irgendwo ein Loch ist. Waehrend der Fahrt meint man das Auto verliere pro Meter etwa ein Teil, und man kann sich wegen dem Hoellenlärm ungefähr so gut wie in einer Disko unterhalten. Also, soviel zu unserem „Auto“.

Es ist ein milder Tag, um die 20 Grad minus, aber die Februarstürme sind gerade voll im Gange, und machen die angenehmen -20 zu ziemlich kalten -40 Grad gefühlter Temperatur. Nach einiger Zeit hat Oleg, unser Fahrer, das Auto dann doch noch angekriegt. Jetzt müssen wir uns nur noch eine halbe Stunde gedulden. In Russland ist es so Sitte, das Auto eine halbe Stunde lang warmlaufen zu lassen, völliger Blödsinn find ich, aber egal. Schließlich fahren wir den Weg zur Strasse entlang. Bis jetzt sind wir noch im Wald, und es sind noch keine Schneewehen zu sehen. Mit 70 km/h brettert Oleg über den vereisten Weg. Bei jedem Schlagloch meint man jetzt sei es soweit. Nach fünf Kilometern kommen wir aufs offene Feld. In der Ferne ist schon die Strasse sichtbar. Jetzt kommen aber auch die Schneewehen. Oleg gibt noch mehr Stoff. Eine Ein-Meter-Schneewehe geht noch mit ein bisschen Schwung, aber alles darüber ist zu viel. Etwa 200 m vor der Strasse sitzen wir fest. Das Auto ist bis zur Frontscheibe in den Schnee eingegraben. Zum Glück liegen Schaufeln im Kofferraum. Obwohl es noch mehr Schaufeln hätte, blieben die zwei Frauen wie selbstverständlich im Auto sitzen. Nicht dass ich das schlimm fände, so ist das hier einfach. Im Gegenzug wird hier kein Mann sich dazu bewegen, vom Tisch aufzustehen, um etwas zu holen. Ein bisschen veraltet, diese Mentalität.

Draußen weht ein eiskalter Sturm von Norden her. Zuerst mal hat er mir die Schaufel aus der Hand geweht. Dann haben wir zu dritt angefangen das Auto auszugraben. Nach einer halben Stunde war es frei, aber vor uns lagen noch ein paar solche Schneewehen. Nach zwei Stunden hatten wir letztendlich die 200 m bis zur Strasse geschafft. Zwischendurch haben wir einmal Pause gemacht, um Schokolade zu essen. Die Kälte raubt enorm viele Kräfte wenn man draußen ist.

Auf der Strasse angekommen ging es dann schnurstracks die 50 km nach Irkutsk. Das erste was ich von Irkutsk sah, war ein riesiges Betonschild über der Strasse, auf dem in fetten Buchstaben „Irkutsk“ stand. Der Sowjetstern daneben war einfach weggehämmert. Nach etwa fünf Minuten konnte man die Stadt erspähen. Dann mussten wir erst mal die „Stadtmauer“ passieren. Das ist einfach eine Betonbarrikade, die von der Armee kontrolliert wird. Wir durften jedoch ohne Probleme passieren. Irgendwie hat mich das an Israel erinnert. Dann ging es weiter, vorbei an den qualmenden Schloten der Kombinate, durch Viertel, in denen die Menschen in Holz- und Blechhütten wohnten, vorbei an endlosen, gleich aussehenden Reihen hässlicher Plattenbauten bis ins Zentrum. In einer Russischen Stadt die Stadtmitte zu finden ist ganz einfach: Man fahre solange in die Stadt rein, bis man auf die Uliza Lenina (Leninstrasse) treffe. Auf ihr fahre man dann solange, bis sie die Uliza Karla Marxa (Karl-Marx-Strasse) kreuze. Dann ist man genau im Zentrum.

Auf jeden Fall ließ uns Oleg irgendwo im Zentrum raus. Ich hatte eigentlich versucht, mich russisch zu kleiden, aber irgendwie haben uns alle komisch angeschaut. Die haben alle gleich gemerkt, dass wir Ausländer sind. Russen tragen entweder dunkle Farben (schwarz oder dunkelgrau) oder Fleckentarn, der auch bei Frauen sehr beliebt ist. Die Armee hat hier halt immer noch einen sehr hohen Stellenwert. So gut wie jeder hat ein Pelzmütze, Pelzhandschuhe und Filzstiefel an. Außerdem läuft hier jeder mit einer Plastiktüte rum, ich hab noch nie jemand mit Rucksack gesehen, aber dazu komm ich spaeter noch. Während wir so überlegen, was wir jetzt als erstes machen, macht es hinter mir plötzlich „uiuit“, wie wenn jemand in einem Holywoodfilm seine Limousine aufschließt. Ich dreh mich um und seh hinter mir einen feine Dame, die mit ihrer Fernbedienung gerade ihren verrosteten Lada Baujahr Vorkriegszeit aufschließt. Nachdem sie das Lenkradschloss entfernt hat holt sie unter dem Sitz eine Kurbel hervor, steckt sie vorne in den Kühlergrill und kurbelt so ihr Auto an, mir ist echt der Mund offen geblieben.

Auf den Strassen sieht man hier entweder ausrangierte japanische Autos, oder russische Modelle. Ab und zu sieht man mal einen Mercedes S-Klasse oder einen amerikanischen Geländewagen. Mittelklasseautos wie einen VW oder einen Renault hab ich hier noch nie gesehen. Nicht zu übersehen sind hier auch die vielen Holz- und Kohlelaster, meist alte russische Modelle, total nostalgisch. Die Strasse bestehen aus in den Schnee gefahrenen Spurrinnen, geraeumt wird nicht. Die Strassen sind spiegelglatt. Jeder gibt Gas so gut er kann.

Tim schlug dann vor, wir könnten erst mal ein Schaschlik essen gehen. Damit war ich voll und ganz einverstanden. Nach dem kargen Essen im Dorf hatte ich mal wieder so richtig Lust auf etwas Deftiges. Außerdem wollte ich auch mal gern ein russisches Restaurant sehen. Das Restaurant sah dann so aus: Am Straßenrand stand ein Mongole mit Frau hinter einem kleinen Grill. Daneben stand eine Bierbank, ein Biertisch und ein Sonnenschirm mit Palmenstrand drauf. Der Grillmeister war nett, ließ mit sich handeln und die Schaschliks waren gut. Dazu gab es einen Plastikbecher Instant-Kaffee. Als Polster diente ein Stück Pappe und als Tischdecke eine Plastikfolie. Irgendwie fand ich es stylisch, bei minus 20 Grad unter einem Sonnenschirm mit Palmenstrand zu sitzen. Dann sind wir erstmal Richtung Marktplatz gelaufen, und was ich dort gesehen habe, hat mich richtig geschockt: Eisbuden, eine neben der anderen. Ich meine Speiseeis, am Stiel oder in der Waffel. Das ist einfach der Hammer. Naja, ich hab keins gegessen, mir war es kalt genug.

Dann sind wir erst mal einkaufen gegangen. Supermarkt gibt es hier keinen. Es gibt nur kleine Stände und Kiosks, höchstens 1,50 m breit. Zum Beispiel ein Haushaltswarenkiosk hat hier vielleicht eine Waschmaschine, zwei Wasserkocher, zwei verschiedene Besteck-Sets, und das wars, der Nächste hat vielleicht etwas anderes im Sortiment. Die einzigen Läden, die mehr als eine Person Verkaufspersonal haben, sind vom Westen gesponserte Geschäfte wie Adidas, Panasonic oder Kodak. Am originellsten finde ich hier aber die Tütenstände: Hier werden Plastiktüten aller berühmten westlichen Marken verkauft. Der neuste Hit ist gerade eine Plastiktüte mit einem BMW-Logo drauf.

Das Einkaufen ist hier gar nicht so einfach. Es gibt im Grunde genommen fast alles, aber man muss es erst mal finden. Hier gibt es nicht einfach einen Baumarkt oder einen Müller. Außerdem kann es sein, man kauft an einem Kiosk 10 Artikel, bekommt aber keine Tüte dazu, dafür gibt es ja die Tütenstände. Selbstbedienung ist nirgends angesagt. An jedem Stand ist jedes Produkt schön, säuberlich mit Preis ausgestellt. Man zeigt dann auf das entsprechende Produkt und der Verkäufer holt es unter dem Ladentisch hervor. Oft ist aber die verfügbare Menge unter dem Ladentisch sehr gering, wie zum Beispiel neulich beim Zigaretten kaufen. Ich rauche jetzt „Pjotr Adin“ (Peter der Erste). Die schmecken fast wie blaue Gaulloises und befinden sich in der mittleren Preisklasse, d.h. die Schachtel kostet 2,80 Rubel (umgerechnet ca. 8 Cent). Natürlich musste ich mich für eine gute Zeit eindecken, weil ich nicht wusste, wann ich wieder nach Irkutsk kommen würde. Also bestellte ich gleich eine ganze Stange. Der Verkäufer meint, er habe nur noch drei Schachteln. Zwei holt er unter dem Tisch hervor und eine nestelt er umständlich aus der schönen Dekoration. Der nächste Stand hat immerhin fünf Schachteln, und der übernächste hat zwei. Also musste ich drei Stände leerlaufen, nur um eine Stange Zigaretten zu bekommen. So ging es mir bisher ziemlich oft.

Dann gingen wir noch kurz nach „Südostasien“, den Chinesenmarkt. Hier nehmen Qualität und Preis noch stärker ab, als auf russischen Märkten. Überhaupt ist Qualität hier ein Fremdwort. Glühbirnen zum Beispiel halten hier höchstens zwei Wochen. Das ist total lästig. Ich weiß nicht wie lange sie bei uns halten, aber auf jeden Fall einiges länger.

Nach einem anstrengenden Einkaufstag nehmen wir uns eine Marschroutka (Sammeltaxi) zu Tims Wohnung. Er hat sich hier in so einem Plattenbau ein Zimmer untergemietet. Das war meine erste und hoffentlich letzte Nacht in einem russischen Plattenbau. Die Philosophie ist hier so: Die Plattenbauten werden mit Strom beheizt, den es ja in Hülle und Fülle gibt. Heizungsregler gibt es nicht, viel zu aufwendig und teuer die einzubauen. Es wird einfach so stark geheizt, dass es auf jeden Fall jedem warm ist. Wem es zu warm ist, der kann ja das Fenster aufmachen. Tim hat in seinem Zimmer Tag und Nacht das Fenster offen, aber ich konnte trotzdem nicht schlafen, so heiß war es.

Am nächsten morgen hab ich mich alleine auf den Heimweg gemacht, weil Tim noch etwas in Irkutsk bleiben musste. Zuerst bin ich mit der Straßenbahn zum Busbahnhof gefahren, und wollte mir dort ein Ticket kaufen. In Russland sollte man ein paar Regeln beachten: Halte dich von Besoffenen fern, geh nachts nicht alleine durch die Stadt, und wenn, dann auf keinen Fall durch Parks. Ersteres wurde mir dadurch erschwert, dass der ganze Busbahnhof voll von besoffenen, komischen Gestalten war. Ich hab mich dann aber an einer der ewigen Schlangen angestellt, um ein Ticket zu kaufen. Nach langem Warten, machte die Verkaeuferin zwei Leute vor mir ihren Schalter zu, sie habe Mittagspause. Ich hatte mich nun eine halbe Stunde angestellt, und jetzt macht die dumme Kuh zu. Dann stellte ich mich an dem naechsten Schalter an, aber dann kamen da so komische Gestalten die Geld wollten, da hatte ich kein Bock mehr. Ich bin aus dem eckligen Busbahnhof rausgerannt, und hab mir einen Taxi zum Dorf genommen, fuer 350 Rubel (10 Euro). Bis heute ist mir der Busbahnhof noch total unsympathisch, an alles andere hab ich mich so ziemlich gewoehnt.

Dorfleben auf russisch

Seit fast drei Wochen arbeite ich jetzt in dem Behindertendorf „Talisman Istok“ bei Irkutsk/Sibirien. Mittlerweile habe ich mich an die Kaelte gewöhnt. Auch mit der Sprache geht es jetzt schon besser, vor allem, weil viele Worte dem Deutschen sehr ähnlich sind. Am besten finde ich das russische Wort für „Sandwich“, nämlich „Budderbrod“, oder das russische Wort für „Servicepoint“, nämlich „Infopunkt“.

Woran ich mich noch nicht ganz gewöhnt hab, ist die Lebensart hier. Die Leute leben einfach in den Tag hinein, ohne zu planen, ohne groß nachzudenken. Man lebt hier von der Hand in den Mund. Probleme gehören zur Tagesordnung, und werden bekämpft wenn sie auftreten, und nicht von vorn herein. Wenn es zum Beispiel kaum noch Feuerholz gibt, denkt niemand daran zu sparen, oder neues zu holen. Wenn es dann aus ist heißt es: „Oh, wir haben ja gar kein Holz mehr, jetzt müssen wir halt ne Weile frieren, bis neues da ist, so ist das Leben“.

Erst mal möchte ich etwas zur geografischen Lage sagen. Irkutsk liegt in Südost-Sibirien, ca. 50 km vom Baikalsee, und ca. 8000 km von Mitteleuropa entfernt. Bis zum nächsten Meer, dem Gelben Meer, sind es ca. 3500 km, ziemlich weit. Obwohl Irkutsk etwa auf dem selben Breitengrad wie Hamburg liegt, ist Klima und Vegetation hier komplett anders. Der Niederschlag ist sehr gering (etwa ¼ so hoch wie in Deutschland), dafür kann es über das Jahr Temperaturunterschiede von bis zu 100 Grad Celsius geben. Es gibt Winter, in denen es hier -60 Grad kalt wird, und Sommer, in denen es 40 Grad heiß wird. Die Vegetation besteht hauptsächlich aus Birken- und Kiefernwäldern, sowie aus unbewachsenen Steppen- und Moorlandschaften. Nur 500 km südlich von hier erstreckt sich die Wüste Gobi, und nur 1000 km nördlich von hier erstreckt sich die ewig gefrorene, unbewachsene Tundra.

Das Dorf „Talisman Istok“ liegt ca. 50 km nördlich von Irkutsk, einer Stadt von der Größe Stuttgarts. Bis zur nächsten Strasse sind es 7 km, zu Fuß ist das ganz schön weit. Bis 1990 war das Dorf ein Stützpunkt der Roten Armee. Das hat viele Vor-, aber auch Nachteile für das Leben hier. Das Dorf ist für sibirische Verhältnisse fast schon luxuriös mit Infrastruktur versorgt: Es gibt fließendes Wasser, solange die Pumpe nicht einfriert, und rund um die Uhr Strom, wenn er nicht gerade ausfällt. Inzwischen gibt es sogar ein Telefon, wenn man das so nennen kann: Die Gespräche werden per Radiowellen nach Irkutsk weitergeleitet, d.h. man hört jedes Wölkchen zwischen der Empfangstation und dem Dorf.

Die Nachteile sind die Altlasten der Roten Armee. Die Gebäude sind zwar zum Teil schon renoviert, aber dazwischen sieht man überall noch die alten Bunkeranlagen und vor sich her faulenden LKW-Wracks. Während dem Kalten Krieg waren hier Kurzstreckenraketen und Flugabwehr stationiert, anscheinend keine Atomsprengköpfe, aber da ist sich niemand so ganz sicher.

Hier leben zwoelf Betreute und acht Betreuer, aber das ändert sich auch jeden Tag. Außer mir und Tim (auch ein Zivi aus Deutschland) alles Russen. Außerdem haben wir zwei Kühe, drei Kälbchen, drei Schweine, eine Hand voll Hühner, zwei Hähne, zwei Hunde und eine Katze. Gearbeitet wird im Garten (nur im Sommer), in der Holzwerkstatt und in der Keramikwerkstatt. Natürlich muss sich auch jemand um die Tiere und den Haushalt kümmern.

Außerdem gibt es hier noch eine Branche, die es in Deutschland nicht in dem Maße gibt: Die Bekämpfung der Kälte. Sie nimmt jetzt im Winter etwa die Hälfte der Arbeitszeit ein. Man muss regelmäßig Holz sägen, Hacken, nachlegen, die Heizung überprüfen, Wasser nachfüllen. Morgens muss man das Futter für die Schweine auftauen, und Abends darf man nicht vergessen, den Wasserhahn aufzudrehen, da er sonst einfriert. Regelmäßig muss man die Eisschicht in den Trinktrögen der Tiere aufhacken, und regelmäßig muss man das Auto warmlaufen lassen, da es sonst nicht mehr anspringt. Die Pumpstation wird rund um die Uhr von 18 Kilowatt beheizt, fällt der Strom aus, friert sie ein. Vergisst man mal Holz nachzulegen, friert die Heizung ein. Ist erst mal etwas eingefroren, beginnt die richtige Arbeit. Das Schweißgerät wird dazu missbraucht, die entsprechende Wasserleitung unter Starkstrom zu setzen, und sie somit zum Glühen zu bringen. Ansonsten helfen Drahtseil, heißes Wasser und Salz. Die Russen haben da sehr viel Erfindungsreichtum. Neulich wurde ein Feuer unter dem Auto entfacht, weil es nicht mehr ansprang.

Das Essen hier ist sehr einfach und „äußerst abwechslungsreich“: Morgens Kascha (Pampe) mit Brot, Mittags Suppe mit Brot und Abends auch Suppe mit Brot. Butter gibt es nur morgens, Fleisch nur an Feiertagen und Paese nie, ganz einfach, weil es zu teuer ist. Das Dorf lebt von dem wenigen, was es durch den Verkauf der Produkte aus der Holz- und Keramikwerkstatt verdient, von den Pensionen der Betreuten und von Spenden aus dem Westen. Letztere fließen vor allem weil die Einrichtung anthroposophisch ist. In vielen Bereichen mag das sicher zutreffen, aber mit allem bin ich nicht einverstanden. Es werden zum Beispiel die billigsten Nahrungsmittel gekauft, aber die nächste Anschaffung soll ein Satellitenschüssel sein. Die Glotze läuft hier eh schon fast den ganzen Tag. Auch verstehe ich nicht, warum die Häuser mit einem Überfluss an Asbest isoliert werden, wo doch jeder weiß, dass das Zeug nicht gerade gesund ist. Des weiteren verstehe ich nicht, warum hier jeden Tag eine Karotte in die Suppe geschnibbelt wird, wo man sie dann eh nicht mehr schmeckt, anstatt einmal in der Woche einen leckeren Karottensalat zu machen.

Ich verstehe hier so manches nicht, und viele verstehen mich nicht. Ich werde als „Workaholik“ bezeichnet, wenn ich in der Mittagspause Holz hacke, obwohl ich nur das Nötigste tue um nicht zu frieren. Wenn hier jemand grad kein Holz mehr hat, baut er halt den nächsten Zaun ab. „Im Sommer, wenn man ihn braucht, kann man ihn ja wieder aufbauen“.

Ein riesen Problem ist hier auch, dass es keine qualifizierten Mitarbeiter gibt. Niemand hat eine Ahnung von Viehzucht, ich auch nicht. Nur weil ich gesagt hab, ich hätte mal auf einem Bauernhof gearbeitet, wurde mir sofort die Verantwortung über die Tiere gegeben. Inzwischen kann ich zwar melken, aber woher soll ich wissen, ab wann man ein Kälbchen von der Mutter trennt, und wieviel Milch es dann wann und wie oft erhält? Hier kann es mir niemand sagen. Ich hätte Lust mich in Deutschland gleich hinter die Bücher zu klemmen, um alle diese Dinge zu wissen, die man in Deutschland nicht braucht, die aber hier zum Überleben notwendig sind. Der einzige der Ahnung von seinem Metier hat ist Genadij, unser Schreiner. Aber als ich ihm neulich zugeschaut hab, wie er die Hobelmaschine repariert hat, war ich davon auch nicht mehr so überzeugt: Mit Brecheisen und Fäustel, dabei macht das doch jeder normale Mensch mit einem Schraubenzieher und einem Satz Schraubenschlüssel.

Das Leben hier ist sehr einfach und sehr anstrengend, aber man lernt die wenigen Dinge die man hat umso mehr zu genießen. Man lernt vorauszudenken, weil hier wird einem das Denken nicht wie in Deutschland abgenommen. Belohnt wird man durch die wunderschöne, unberührte Natur, die klare Luft, die herrlichen Sonnenauf- und –untergänge, die Stille ringsum und die Gastfreundschaft der Russen. Die glutrote Sonne ist gerade am Horizont verschwunden. Wieder ist ein erlebnisreicher Tag rum.

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