Losgefahren bin ich am Montag den 26. 1. um 7:00 mit dem Bus nach Tallin. Von dort aus ging es mit dem Bus weiter nach St. Petersburg. Kaum war ich in Russland, ist mir auch schon das erste Malheur passiert. Mein Bus kam also planmäßig um 7:00 morgens in St. Petersburg am Bahnhof an. Dummerweise aber am Baltischen Bahnhof, mein Zug nach Moskau jedoch fuhr von Moskauer Bahnhof. Da stand ich also ohne einen Satz Russisch zu können in der Dunkelheit mitten in St. Petersburg. Die Geschäftsleute nahmen gerade ihr Frühstück, alle hatten es eilig, an den Fahrkartenschaltern konnte niemand Englisch und die Milizen waren ausnahmslos angetrunken.
Nach einigen ziemlich verplanten Stunden (zum Glück hatte ich genügend Zeit) fand ich dann doch einen Fahrkartenschalter hinter dessen Panzerglasscheibe jemand Englisch sprach. Die Dame hat mich dann sogar netterweise bis zur richtigen Metro-Bahn begleitet. Das Metro fahren in St. Petersburg muss man sich so vorstellen: Man wird von einem drängelnden, hastenden Menschenstrom auf eine rasend schnelle, laute Rolltreppe geschoben. In einem dunklen Tunnel geht es in die Tiefe, dessen Ende man nicht erkennen kann. Nach etwa einer halben Minute Fahrt kann man das Ende erahnen. Unten angekommen steht man plötzlich in einem riesigen, prächtigen Saal, reich verziert mit Gold, Marmor und Gemälden. Von der Decke hängen riesige, glitzernde Kronleuchter, wie in einer Kirche. Nur die Gleise auf beiden Seiten, und die vielen Menschen stören die andachtsvolle Stimmung. Am Moskauer Bahnhof nahm ich dann meinen Zug und stieg in Moskau problemlos in die Transsib um.
Die Transsib ist echt ein total gemütlicher Zug. Die Wagen hab ich nie gezählt, auf jeden Fall sind es sehr sehr viele. Vorne hängen zwei überdimensionierte sowjetische Dieselloks, die den Zug mit 80 km/h durch die Taiga ziehen. Jeder Waggon hat etwa 12 Vierbettabteile, einen Samowar für heißes Wasser, zwei Plumpsklos, eine Raucherecke und eine kleine Bar für Kaffee, Tee und Snacks. Außerdem wird jeder Waggon von zwei Waggonschaffnerinnen bewacht, die sich im 12-Stunden-Takt abwechseln. Auf dem Boden liegen Perserteppiche und die Gänge sind mit schönen Gardinen und weniger schönen Plastikblumen geschmückt.
Während der Fahrt lernt man schnell Leute kennen: Mal lädt das Nachbarabteil zu einer Runde Kartenspielen mit Wodka ein, mal teilt man seine Mahlzeit mit seinem Abteilgenossen. Unterhalten hab ich mich meistens mit Händen und Füssen. Wenn der Zug mal hält (alle zwei bis drei Stunden), dann richtig, und gleich eine halbe Stunde. Da hat man genug Zeit sich auf dem Bahnsteig bei den Babuschkas mit Lebensmitteln einzudecken. Ansonsten wird auch alles im Zug zu unverschämt billigen Preisen angeboten.
Ab und zu wird der Zug von der Miliz kontrolliert. Bei Kasan zum Beispiel war ich gerade mit einem etwas zwielichtigen Typ aus Tadschikistan in einem Abteil, als ein Milizionär herein getorkelt kam und unsere Pässe sehen wollte. Meinen hab ich gleich wiederbekommen, aber der Tadschike musste sein Gepäck zeigen, was eigentlich nur aus einer Hugo-Boss-Plastiktüte bestand. Darin befand sich jedoch eine ganze Flasche voll Gras. Ich hab gedacht, den nehmen sie bestimmt mit, aber der Milizionär hat nur gelacht, und sich eine Hand voll in die Tasche gesteckt.
Solche suspekten Zwischenfälle gab es aber sonst kaum. Die Reise mit der Transsib ist einfach traumhaft. Man fährt fast nur durch unberührte Natur: endlose Birkenwalder, wunderschöne Sonnenuntergänge, Riesige zugefrorene Flüsse, verschneite sibirische Dörfchen. Städte kündigen sich durch schwarze Qualmwolken an, die aus den Schornsteinen der monströsen Kombinate stammen. Außerdem fängt der Zug schon einige Kilometer vor der Stadt an zu bremsen. Insgesamt machen die Städte keinen schönen Eindruck: quadratisch in die Landschaft gedonnert, wie aus dem Boden gestampft. Erst kommen die riesigen Industriekombinate, dann die Slums, und in der Mitte Plattenbauten, systematisch nebeneinander.
Von der Kälte bekommt man im Zug relativ wenig mit. Wie in allen russischen Haushalten wird dort so kräftig eingeheizt, dass man im T-Shirt und Kurzer Hose rumlaufen kann. In der Raucherecke jedoch wurde ein Fenster ganz nach russischer Art durch Pappe ersetzt. Ich hab die Kippe jeden Tag schneller geraucht. Auch die Übergänge zum nächsten Waggon sind recht abenteuerlich: man balanciert auf einem schmalen, wackeligen, vereisten Steg und kann dabei wunderbar auf die Schienen sehen.
So richtig hab ich die Kälte aber erst beim Aussteigen gespürt. Ich kam am Sonntag den 1. 2., also fast eine Woche später, in Irkutsk an. Insgesamt hab ich damit fast 8000 Kilometer in sieben Tagen zurückgelegt. Dabei hab ich sieben Zeitzonen durchfahren, d.h. jeder Tag war eine Stunde kürzer, das war schon ein bisschen komisch.
Als ich ausstieg, war der erste Atemzug so, als hätte ich gerade eine Tube Mentholzahnpasta gegessen: Total frisch, kristallklar und beißend kalt. Ich wurde gleich mit den Worten empfangen: „It’s very warm, ist just 24 degrees“ (In Russland sagt man bei Temperaturangaben, genau umgekehrt wie bei uns, nur das Pluszeichen dazu). Die Kälte hier ist irgendwie total schön: Sie ist furztrocken, total erfrischend, und solange kein Wind weht absolut auszuhalten, vorausgesetzt man zieht sich warm an. Hier scheint fast immer die strahlende Sonne, und lässt alles funkeln und glitzern. Sogar der Atem und die Luft glitzern vor Eiskristallen. Hier in dem Behindertendorf mitten in der Taiga, in dem ich jetzt wohne und arbeite, wird die Kälte allerdings ziemlich schnell sehr lästig, weil einfach alles ein- und anfriert.




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