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Der Zöllner vom Tian Shan

Schon gegen Mittag war ein Großteil meiner Reisegefährten so besoffen, dass sie sich nicht mehr imstande fühlten die Zolldeklaration für die bevorstehende kasachisch-chinesische Grenze auszufüllen. Der chinesische Busfahrer jagte seinen fahrbaren Untersatz erbarmungslos über die Sandpiste, dabei schien ihm bei jedem Schlagloch die Zigarette aus dem Gesicht zu fallen, die man die gesamte Fahrt über in seiner Zahnlücke glimmen sehen konnte. Im hinteren Busteil, wo die Flasche noch immer kreiste, drückte sich jedes Schlagloch in einer kleinen Wodkafontäne aus.

Die Strasse bestand aus einer breit gestreuten Anzahl von mehr oder weniger befahrenen Spuren im Sand, auf denen sich die 6 Busfahrer des Konvois ein Wettrennen lieferten. Vor uns erhoben sich direkt aus der Wüste die mächtigen Schneegipfel des Tian Shan, der Grenze zu China. Die Stewardess, die auch ordentlich einen über den Durst getrunken hatte, machte sich daran für die Grenze Ordnung zu schaffen. Die völlig Betrunkenen wurden in ihre Kojen (die chinesischen Sleeper-Busse habe ca 1,6 m lange Liegen) gelegt und die Soße aus verschütteten Getränken, Zigarettenstummeln und Lebensmittelresten auf dem Boden wurde beseitigt.

Vor uns lagen sechs Kontrollen: Der Eingang in den kasachischen Grenzbereich, die eigentliche Gepäck- und Personenkontrolle auf der kasachischen Seite, der Ausgang aus dem kasachischen Grenzbereich und das gleiche auf der chinesischen Seite noch einmal. Der erste kasachische Grenzer betrat unseren Bus: Eine riesige Gestalt, das braungebrannte Gesicht tief versteckt hinter der dicken Pelzmütze, auf dem Rücken ein bejahrtes Schießeisen. Nachdem er eine Runde mit der Stewardess geflirtet hatte, und mit seinem Knüppel ein bisschen in den Betten der Betrunkenen herumgestochert hatte, kam er zu mir. Ein Blick auf meine Immigrationskarte genügte, und er gab mir durch eine Handbewegung unmissverständlich zu verstehen ich solle ihm folgen. Im Vorbeigehen flüsterte die Stewardess mir noch ins Ohr: ?You don’t understand any Russian!“.

Bei der Einreise hatte ich mir die Immigrationskarte dummerweise nur bis zum 14. ausstellen lassen. Da ich aber dann auf einmal bis zum 15. in Kasachstan bleiben musste, wollte ich Probleme bei der Ausreise umgehen indem ich einfach aus der 1 vorsichtig eine 2 machte. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass das ein großer Fehler war, denn so vorsichtig ich die Zahl auch ausgebessert hatte, das geübte Auge des Grenzers hatte es sofort erkannt.

Wir entfernten uns ein Stückchen vom Bus und blieben erst hinter einem Stacheldrahtverhau stehen. Der Grenzer fragte mich wo ich herkomme, was ich hier mache und vor allem wer diese Zahl ausgebessert habe. Ich hatte mir jedoch vorgenommen, mich an die Anweisungen der Stewardess zu halten und gab einfach keine Antwort. Wir gingen zurück zum Bus und er bat die Stewardess zu übersetzen. Ich erklärte der Stewardess mein Problem auf englisch und überlegte mit ihr, was man am besten sagen sollte. Plötzlich bekam ich den Ellbogen des Grenzers mit solcher Wucht in die Rippen, dass ich fast ohne eigenen Energieaufwand im Bus landete. ?Haut ab“ rief er auf russisch und grinste freundschaftlich. Innerlich bedankte ich mich bei ihm für den blauen Fleck. Der Rest der kasachischen Grenze verlief gut, wenn auch mühselig und langwierig. Als die Soldaten die letzte Schranke vor dem Grenzfluss für unseren Konvoi öffneten war mir schon etwas leichter zumute.

Die Grenze die ich soeben überfahren habe ist eine kulturelle Wasserscheide wie sie extremer kaum sein kann. Die Orientierung in Kasachstan geht noch vollkommen nach Westen, nach Europa. Die Menschen jenseits des Tian Shan jedoch schauen nach Osten, nach Peking und Shanghai. Und diese Grenze steht immer noch zwischen diesen beiden Kulturräumen wie ein eiserner Vorhang, ohne Übergang.

Die chinesische Grenzstation hatte die Ausmasse eines mittleren Flughafens mit einem riesigen Paradeplatz auf dem sich quadratisch angeordnete Soldatengruppen im Stechschritt übten. Die Formalitäten verliefen um ein Vielfaches effizienter als auf der kasachischen Seite, wenn auch die Passkontrolle bei mir fast eine halbe Stunde dauerte. Der Grenzer schaute meinen Pass interessiert durch, schaute mich genau an, befragte mich in tadellosem Russisch über Gott und die Welt und holte schließlich seine Kollegen herbei, um ihnen auch einen Blick in meinen Pass zu gönnen. Wie ich später von meinen Mitfahrern erfuhr war das bloße Neugier. Anscheinend kommen über diesen Grenzübergang nicht so viele Ausländer, so dass ein deutscher Pass schon zum Highlight werden kann. Meine Mitfahrer waren allesamt Kasachen, die mit leeren Rucksäcken nach China fuhren, zum „Shopping“ wie sie sagten. In China sind die Preise für viele Gebrauchsgüter oft nur 1/5 so hoch wie in Kasachstan.

Kurz nach der Grenze wurde die Sandpiste zu einer sechsspurigen Autobahn, die Seidenstraße der Moderne. China baut und baut und rüstet sich für eine Zukunft, in der 1,3 Milliarden Menschen mit dem Auto fahren. Auf dem Weg dahin wirkt es wie ein Magnet: Anziehend für Menschen, Rohstoffe und Kapital; abstoßend für Waren. Auch ich befinde mich im Sog dieses Magneten, allerdings bleibe ich am Rand, in Urumqi.

Durch das wilde Kasachstan

Irgendwann in der Nacht vom 4. auf den 5. März wurde der unbarmherzige Einreisestempel zum letzten Mal auf meinen Reisepass gehauen. Informationskarte, Visum, Zolldeklaration (das ist der Zettel, auf dem man überall „njet“ ankreuzen muss) – alles hatte gestimmt. Die Truppe marschierte zum nächsten Abteil, und ich wischte mir den üblichen Grenzschweiss von der Stirn. Jetzt war ich also in Kasachstan, einem Land, in dem die Bevölkerungszahl Moskaus auf der Fläche ganz Westeuropas lebt.

Seit insgesamt drei Tagen sitze ich bereits im Zug, und noch zwei Tage sind es bis Almaty, der grössten Stadt Kasachstans. Von dort aus sind es dann nur noch 30 Stunden Zugfahrt bis zu meinem Ziel Urumqi in Xinjiang (China). Den Fahrplan dafür gab es auf der Homepage der Deutschen Bahn mit dem freundlichen Hinweis: „Achtung, es gilt Auslandstarif“.

Mein Abteil teilte ich mit drei Kasachen: einem „Komandirovka“ der kasachischen Armee und zwei jungen Burschen die auch nach Urumqi wollten. Einer spindeldürr mit chinesischen Zügen und der andere wohlgenährt (gelinde gesagt) und wie ein Araber aussehend gaben sie ein lustiges Pärchen ab. Sie wollten in Urumqi irgendein „biznes“ (Business) starten, was genau konnte ich nicht herausbekommen. Auf jeden Fall luden sie mich sofort in ihre Wohnung in Almaty ein um dann mit ihnen mit dem Taxi nach Urumqi zu fahren. Mit dem Taxi!!! 800 km über den Tian-Shan Gebirgszug, im Winter! Das I-Tüpfelchen war die Begründung es sei auch noch billiger als der Zug. Ich bin ja für Abenteuer aller Art immer gern zu haben, aber das ist dann doch zuviel. Ich lehnte dankend ab da mir die beiden auch nicht ganz geheuer waren.

Seit der Grenze wurde unser Zug von einer nie endenden Flut Händlern bevölkert. Sie drängelten sich durch den Gang und im Minutentakt schaute ein braungebranntes, Dreck verschmiertes Gesicht in unser Abteil und pries mit strahlender Miene seine goldenen Uhren, eingelegten Gurken, Bustickets nach Usbekistan oder chinesischen Handys an. Bei T-Shirts für unverschämte 200 Tenge (ca. 1,2 EUR) konnten meine Reisegefährten nicht mehr widerstehen, und kauften dem Händler fast seinen gesamten Vorrat ab.

Ich interessierte mich mehr für die Landschaft, die ewige kasachische Hungersteppe. Zwei Tage lang nichts als Flachland, kein Baum, kein Strauch, keine Strasse. Während am ersten Tag noch eine von Schnee bedeckte Grasebene zu sehen war, wurde es gegen Süden immer trockener und steiniger. Das Gras verschwand, und man sah man statt dessen Bohrtürme aus dem Boden sprießen.

Ja, Kasachstan ist ein reiches Land. Unter der schlichten Landschaft verbergen sich immense Rohstofflager. Schade, dass nur eine kleine Elite von diesem Reichtum profitiert. Der große Rest der Bevölkerung ist bettelarm. Am Morgen des 4. Tages nach Moskau war die Reise zu Ende. Um 6 Uhr stand ich am Bahnhof von Almaty wieder ganz allein mit meinem Rucksack in der Dunkelheit.