Die Tibetfrage

Die Tibetfrage hat sicher den einen oder anderen von euch in letzter Zeit beschäftigt. Obwohl ich hier einiges näher an Tibet bin als wohl die meisten von euch, bekomme ich nicht mehr davon mit, und ausrichten kann ich von hier auch nicht mehr als ihr. Mich hier mit einem Transparent auf die Straße zu stellen wäre ziemlich blauäugig.

Ich möchte aber versuchen euch die Lage einmal aus dem chinesischen Blickwinkel zu schildern. Das ist nicht ganz so einfach wie man sich das vorstellt. Denjenigen die Ostasien noch nicht genauer kennenlernen durften kann ich nur sagen: Diese Kultur ist so andersartig als unsere, dass wir bevor wir ein Urteil über China machen seine grundlegenden Denkstrukturen erlernen sollten. Unser Problem ist, wir wissen so gut wie gar nichts über die ostasiatischen Kulturen, während diese sehr viel über uns wissen. Wie oft schon bin ich in meiner Zeit hier in die peinliche Situation geraten, dass mir ein Chinese eine so detaillierte Frage über das Leben Bismarks, oder eine Passage der Bibel gestellt hat, dass ich nicht im entferntesten eine Antwort hätte geben können.

Die Andersartigkeit der Kultur begegnet mir auch oft genug im Alltag. Die chinesische Sprache lernt sich nicht so einfach wie eine europäische Sprache, wo man einfach ein bisschen die Grammatik paukt, und die Bedeutung der meisten Wörter entweder raten oder im Lexikon nachschlagen kann. Im Chinesischunterricht heißt es oft wenn es um die Übersetzung eines Wortes geht: “Sorry, no translation”. Könnt ihr euch das vorstellen, für manche Wörter gibt es nicht einmal annähernd eine Übersetzung. Die Verwendung läßt sich nur anhand von Beispielen mühsam erlernen.

Demzufolge gibt es auch für die chinesische Sicht der Lage in Tibet keine Übersetzung in unsere Denkweise. Ich kann nur versuchen euch zu erklären, was ich bisher über die chinesisch Denkweise gelernt habe. Ich denke wie die Lage in Tibet wirklich ist wisst weder ihr mit Westfernsehen noch ich mit staatlich zensiertem Fernsehen. Der Gedanke unsere freien Medien würden möglichst realitätsnah Bericht erstatten ist meiner Ansicht nach eine Illusion. In China zeigen die Medien das, was der Staat das Volk sehen lassen will, bei uns zeigen sie das was das Volk sehen will. Beides entspricht nich der Realität.

In China ist persönliche Freiheit verglichen mit unserer Gesellschaft relativ unwichtig. Im Vordergrund steht das große Ganze, die Nation, der Fortschritt des eigenen Volkes. Dafür ist man bereit sich unterzuordnen, eine Eigenschaft die wir wohl nicht so schnell verstehen werden. Sich unterordnen ist eigentlich das falsche Wort, denn es hat bei uns einen negativen Beiklang. Man sollte viel eher sagen, in China folgt man immer einem Lehrer, der einem den richtigen Weg zeigt. Respekt und Vertrauen gegenüber diesem Lehrer sind unendlich viel größer als bei uns.

In vielen Fällen ist der Staat, die Kommunistische Partei Chinas, der Lehrer. Das Fernsehen ist die Lehrstunde. In China ist jedem bewußt, dass das, was im Fernsehen gezeigt wird sorgfältig von der Partei ausgesucht wird. Das ist aber OK, denn der Staat ist der Lehrer. Er hat mehr Erfahrung und einen besseren Überblick, warum soll man ihm also nicht vertrauen?

Jetzt aber zu Tibet. Tibet ist ein Teil Chinas, ob das Rechtens ist oder nicht ist eine andere Frage die zu erörtern noch einiges komplizierter wäre. Demonstrieren ist in China verboten, ein ganz einfaches Gesetz, so wie es bei uns verboten ist Autos anzuzünden. Wer sich nicht daran hält, verstößt eben gegen das Gesetz. Warum es verboten ist, das habe ich versucht in den vorherigen beiden Absätzen zu erklären.

Schauen wir mal nach Europa, wo es ja auch verschiedene Unabhängigkeitsbestrebungen gibt. Zum Beispiel in Russland, einem Land das ja unsere Werte teilt. In Tschetschenien werden monatlich eine Garnission junger Russen und ein Tschetschenischer Landkreis verheizt, aber das interessiert niemand. Tschetschenen sind eben nicht so exotisch wie Tibeter. Darf man eigentlich im Irak demonstrieren? Ich glaube wir können froh sein, dass die Chinesen mehr Fingespitzengefühl für die Lösung solcher Konflikte haben als wir Westler. wie ich es auf meiener Tibetreise erlebt habe geht es den Tibetern nicht schlecht in der jetzigen Situation, allemal besser als jeder eurpäischen Kolonie vor 50 Jahren.

Nicht dass ihr denkt ich sei hier in China total von der Bahn gekommen. Ich denke natürlich nach wie vor Proteste gegen die Tibetpolitik sind richtig. Allerdings sollten wir auch versuchen die Chinesen zu verstehen. China ist ein so großes Land, mit einer so reichen Kultur und so schnell wachsenden Bedeutung. Wir sollten herunter kommen von unserem hohen Roß. Max Frisch sagte schon nach seiner Chinareise 1975: “Wir sind nicht das Wunschbild der Chinesen, unser Urteil also nicht das Maß für ihre Anstrengungen”.

Ansonsten gehts mir gut hier in Peking. Jeden Morgen radel ich die 6 km zur Uni. Dabei habe ich die Wahl zwischen einer Strecke über kleine Nebengässchen und Sandpisten und dem 12-spurigen Jingtong-Highway. Beides nicht optimal, aber da ich gerne spät dran bin morgens ist es dann meistens die Autobahn. An der Uni verbring ich meistens den ganzen Tag, unterhalte mich mit Chinesen, pauke Schriftzeichen usw. Das Leben an einer chinesischen Uni ist echt etwas besonderes, vielleicht schreib ich darüber nächstes mal. Dann wieder mit mehr Humor und weniger Politik.

5 Antworten zu “Die Tibetfrage”


  1. 1 Helmut April 16, 2008 um 2:34

    Dir kann ich nur zustimmen, dass man die Denkweise der Chinesen verstehen muss um sie zu kritisieren. Da kann man noch so viele Chinabücher lesen, mann lernt erst wie sieh denken und warum sie so handeln, wenn man mit ihnen lebt und ihre Probleme, Tage und Ziele teilt.
    Aber in meinen Augen richten sich die Anti-China Proteste auf der ganzen Welt nicht gegen das Volk, sonder gegen die Tibet-Politik Chinas, gegen die Menschenrechtsverletzung und gegen deren Politiker, auf die das Volk nicht im geringsten Einfluss hat. (Es sei denn sie setzten ihre Freiheit in Gefahr)
    Auch wenn die Chinesen in ihren Staat vertrauen haben(das schafft auch Frieden) und ihm [treu-doof] folgen, so glaube ich, dass der Präsident Hu Jintao sehr wohl weiß, was er dort tut und dies auch bewusst macht um seine Volksrepublick zu vereinen.
    (http://afp.google.com/article/ALeqM5g7fA-E1ieFrveWp9Xqsv4xUSwCBA)
    Genaus aus diesem Grund, weil der einzelne in China sehr viel weniger Einfluss auf Chinas Politik hat als wir im Westen und weil die Regierung Chinas das Vertrauen ihrer stark Untergebenen “missbraucht”, halte ich, genau wie du, diese Proteste für richtig (solange sie friedlich ablaufen)

    Helmut

  2. 2 fusselia die Waldschnepfe April 16, 2008 um 5:53

    Wenn der eiserne Vogel fliegt
    und das Pferd auf Rädern läuft,
    werden sich die Tibeter wie Ameisen zerstreuen
    und die Lehre Buddhas wird Einzug in den Westen halten.

    (tibetische Prophezeiung aus dem 8. Jahrhundert)

    Eine andere Kultur, die wir nicht so gut kennen und deren Denkstruktur wir erst erlernen müßen um sie zu verstehen ist keine Rechtfertigung einer solchen Politik und sollte das systematische Auslöschen einer Kultur und Unterdrückung ihrer Anhänger eine solche Denkweise sein, so will ich sie auch gar nicht erst erlernen wollen.
    Auch braucht man keine Übersetzung der chinesischen Sichtweise, denn Taten sprechen mehr als tausend Worte und sowohl Unterdrückung, Arbeitslager als auch Tyrannei werden in allen Sprachen verstanden.
    Wahr ist, daß keiner die genaue Wahrheit aus dem Landesinneren und aus Lhasa kennt, aber genau das sollte doch zu denken geben und auch dem letzten die Augen öffnen! Warum werden alle Touristen aus dem Land verwiesen? Warum werden westliche Medien – egal wie hoch der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen ist -aus dem Land getrieben? Da braucht man keine Medien mehr um zu begreifen, daß nun, im Hinblick auf die Olympiade, für Ordnung gesorgt wird, mit Hilfe aller Mittel!
    Ob den Chinesen ihre persönliche Freiheit wichtig ist oder nicht spielt ebenso keine Rolle, da es nicht um die Chinesen geht, sondern um die Tibeter, denen etwas an ihrer Freiheit liegt, wie man unschwer merken kann. Auch liefert das keinen Grund den eigenen Verzicht auf andere übertragen zu wollen. Vielleicht sollten die Chinesen mal versuchen die tibetische Kultur und Denkweise zu verstehen bevor sieeines der höchsten Güter, die eigene Meinung, abgeben und sich so sehr auf die Meinung ihres Führers verlassen.(Es soll Nationen geben die nicht nur auf den Fortschritt des eigenen Landes fixiert sind)
    Mag sein das die Chinesen dieses Führerdenken bevorzugen, erleichtert schließlich einiges im Leben, aber das anderen aufzudrücken ist nicht die feine Art.

    Worum geht es in diesem “Konflikt” nun eigentlich? Um Tibet und die Art und Weise wie CHina mit Tibet umspringt. Und woher kommt das, daß China überhaupt das Sagen in Tibet hat?
    Es spielt also sehr wohl eine Rolle ob Tibet ein Teil Chinas ist oder nicht, eine sehr große sogar. Denn Tibet ist kein Teil Chinas. Tibet wurde vor einem halben Jahrhundert von China annektiert (sich mit Gewalt aneignen), den Menschen ihre Kultur und Sprache verboten, die Lebensweise einer fremden Kultur aufgezwungen, sie wurden teilweise nach China deportiert und Millionen von Chinesen wurden in Tibet angesiedelt.

    Was in Tschetschenien passiert ist sicher auch keine gute Sache, aber einen anderen Konflikt zu nennen ändert nichts an der Tatsache. Auch in Afrika gibt es Menschenunwürdige Bürgerkriege oder alle die Konflikte Eingeborener rund um den Globus. Es hängt schließlich nicht von dem Kontinent ab wo unrecht geschieht, es hat nur verschiedene Gesichter.

    Wenn die Chinesen Fingerspitzengefühl in Tibet beweisen, was bedeutet es dann bitte hart durchzugreifen?

    FREE TIBET !

    Anmerkung: Ich habe immer von den Chinesen gesprochen, möchte aber nicht alle über einen Kamm scheren, da es in China eine Menge Menschen gibt, die nicht einem sog. Lehrer folgen wollen, denen die persönliche Meinung sehr wohl wichtig ist und die sogar ihre eigene Regierung in der “Tibetfrage” kritisieren – solange ihr Aufenthaltsort nicht bekannt ist.

  3. 3 Matthias April 19, 2008 um 9:16

    Wirklich gelungener Artikel, der einem zum Denken anregt und animiert, sich mit dem ganzen Thema genauer auseinander zu setzen. Ich persönlich hab das ganze Thema zuletzt ausgeblendet, so wie ich es mit allen Dingen mache, die von morgens bis abends im Fernsehen laufen bzw. jeden Tag in der Zeitung stehen.

    Das große Problem unserer Medien ist, daß sie alle kapitalistische Institutionen sind und, um möglichst große Werbeaufträge zu bekommen, in ihrer Berichterstattung die Ansichten der kaufkräftigen Mittelschicht propagieren. Weiterhin findet in den Medien allgemein ein großes Weichzeichnen der Tatsachen statt, da jede spektakuläre Nachricht von jeder Redaktion nochmals sensationeller gemacht wird. D.h. je weiter die urprüngliche Quelle einer Information weg ist, desto weniger Wahrheitsgehalt hat sie und desto spektakulärer bzw. krasser erscheint sie. Das ist ein bisschen wie Stille Post, der Konsument kann nur erahnen, welchen Informationsgehalt eine Nachricht wirklich hat, wenn sehr stark überzeichnet wird.

    In der Sache Tibet bin ich da sehr gespalten. Ich denke beide Seiten haben sich geschichtlich betrachtet nicht grad mit Ruhm bekleckert. Ich find es wirklich sehr schwer, da von außen ein Urteil zu treffen. Was unumstritten ist, sind die Menschenrechtsverletzungen Chinas, vor deren Hintergrund sich der die Sympathie des ganzen Konflikts in Richtung Tibeter verschiebt. Ich find es auch richtig, daß die Tibeter für eine Autonomie demonstrieren, man kann es aus geschichtlicher Sicht verstehen. Ich finde auch gut, daß sie daß vor den Olympischen Spielen machen, da der Fokus der Welt auf China gerichtet ist. Nur dürfen die Proteste nicht in Gewalt enden und der Rest der Welt muß aufhören schwarz/weiss zu denken.

    Matthias

  4. 4 Liu Wei April 28, 2008 um 3:49

    My friend,

    Pls tell your Germany friend, I really enjoy visit to Germany and the stay in your family. I told it to a lot of people.

    I love Saarland! Just because they love their homelang. As we know, after second world war, Saarland got the chance to be a independent country. But they refused and went back to Germany. You love your motherland indeed in your heart. So do all the Chinese.

    To French, I would like to say la Corse, where Napoleon was born.

    To UK, what do they think about North Ireland?

    To Canada, how about Quebec?

    To US, didn‘t they forget how they get New mexico state?

    What I hope is share, even like in your family your friend and me spent 1 hours to talk about Taiwan. (Pls notice it belongs to China since AD 230.)

    To be honesty, I think I know a lot about Germany. And most of my feelings to Germany is positive. But if German just know a little about China, why they can judge anything?

    What you did is quite good! Hope both side can first share more and more!

    P.S.:I am planning to visit Germany and hope get visa on time.

    Best wishes!

    Wei Liu

  5. 5 Lukas Poetschke Mai 25, 2008 um 1:04

    Hallo,
    es ist ein sehr gelungener Artikel!
    ich habe vor zwei Wochen für eine Woche China besucht, da ich gerade meine Jahresarbeit über China schreibe. Bei allen Gesprächen die ich mit verschiedenen Chinesen geführt habe – wobei es hauptsächlich um das wirtschaftliche ging – entwickelte sich in mir eine sehr ähnliche Meinung. Meiner Meinung nach kann man sich über die Tibetfrage nur ein Urteil machen wenn man sich ein eigenes Bild “vor Ort” gemacht hat; die Medien werden nie die ganze Wahrheit zeigen.

    Viele Grüße und alles Gute
    Lukas


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