Archiv für April 2007

Wu Lu Mu Qi – 乌鲁木齐

Was vor einigen Jahrzehnten noch eine kleine uighurische Oase war ist inzwischen eine Stadtmonstrum nach chinesischem Maßstab. Stürzt man sich hinein in das Leben weiß man manchmal nicht, ob man gerade in Shanghai, Istanbul oder Moskau ist: Sei es der uighurische Ananasverkäufer, der seine Kunden im Schatten eines chinesischen Wolkenkratzers mit russischem Techno anlockt oder der chinesische Schuhputzer, der einem einem in fließendem russisch erzählt die uighurischen Frauen seien die schönsten. Die Chinesen nennen Urumqi: „Wu lu mu qi“.

Meine Wohnung liegt in der „Urumqi special technologic and economic development zone“, ca. 12 km nördlich vom Zentrum. Wie überall in China ist auch hier der Name aufregender als das was dahinter steckt: Im Grunde genommen ein ganz normales, etwas wohlhabenderes Stadtviertel. Meine Wohnung ist groß und modern eingerichtet: Computer mit DSL Anschluss, Gästezimmer. Direkt vor meiner Haustür habe ich einen uighurischen Schaschlikmann, einen Hühnchenverkäufer (lebendige Hühner, muss man vielleicht beifügen) und einen kleinen Ramschmarkt (mit Ramsch meine ich die ganzen nützlichen chinesischen Alltagsgegenstände, die beim ersten mal Benutzen kaputt gehen).

Als ich am ersten Morgen das Fenster geöffnet habe, um etwas frische Luft herein zu lassen, kam mir ein stechender Geruch nach Schwefel und Kohle entgegen. Der Himmel war orange-braun vor Smog. Das Problem besteht in vielen chinesischen Großstädten. Oft wird nur mit Kohle geheizt, und da die Anlagen extrem veraltet sind wird der ganze Dreck in die Luft geblasen. Die beiden Holländer, die hier auch gerade Praktikum machen, erzählten mir, im Winter sei noch viel schlimmer gewesen. In Xinjiang kann die Temperatur im Januar bis auf 40 Grad unter Null sinken. Da kann man nicht mal mehr die Spitzen der Häuser durch den Smog erkennen. Zum Glück wird es jetzt jeden Tag wärmer. Mittlerweile kann man schon den ganzen Tag im T-Shirt herumlaufen, und die Heizungen bleiben aus.

Zu meiner Arbeitsstelle sind es zu Fuß 20 Minuten. Alternativ gibt es auch den Bus für 10 Cent oder das Taxi für 60 Cent. Von den Chinesen bekomme ich oft zu hören: „Du bist doch Weißer, warum nimmst du dir nicht ein Taxi zur Arbeit?“. Um solchen Vorschlägen ein für alle mal zu begegnen habe ich mir jetzt das aller rückständigste in China gekauft – ein Fahrrad. Für umgerechnet 10 EUR ein vollgefederte Mountainbike. Leider ist es auch Ramsch, denn nach 2 Minuten Fahrt ist der Lenker abgebrochen. Der neue Lenker ist von gleichen Typ, aber ich fahre jetzt vorsichtiger.

Die Arbeit bei Goldwind, dem grössten Windturbinenhersteller Chinas, beginnt morgens mit der Einheitsgymnastik: Die gesamte Mitarbeiterschaft, von der Putzfrau bis zum Manager stellen sich für 10 Minuten auf dem Werksgelände in Reih und Glied auf und machen zu Lautsprecheranweisungen und dramatischer Filmmusik ein paar Aufwärmübungen. Danach beginnt die Arbeit in der Fertigung und den Büros. In den ersten drei Wochen wollte ich einen kleinen Überblick gewinnen, so war ich die erste Woche in der Produktionshalle, die zweite auf der Windfarm und in der dritten habe ich mir die verschiedenen technischen Abteilungen angeschaut.

Goldwind hat zur Zeit 500 Mitarbeiter. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl jedes Jahr um durchschnittlich 50% gestiegen, d. h. Zur Zeit wird fast jeden Tag ein neuer Mitarbeiter eingestellt. Das Wachstum ist an vielen Stellen in China viel zu schnell, zumindest für unsere Begriffe. Wenn man mit dem Fahrrad ein bisschen durch die development zone pendelt, sieht an manchmal Teile von alten Dörfern, die hier noch vor 10 Jahren in der Wüste standen und von dem Wachstum der Stadt einfach überrannt wurden. Einmal habe ich ein altes Bauernhaus gesehen, das mitten auf einer großen Strasse in einem sauber angelegten Industriegebiet stand.

Die Woche in der Produktionshalle war sehr spannend. Die Arbeitsweise der Chinesen ist einfach sehr beeindruckend. Vor der Arbeit ist immer eine kurze Besprechung, das heißt alle stellen sich nebeneinander auf und der Chef geht schreiend und schimpfend die Reihe auf und ab. In der Werkshalle werden die Gondeln der 0,75 und der 1,5 MW Anlage montiert. Es ist unglaublich wie viele Chinesen auf einmal an einer Maschine arbeiten können ohne sich zu stören. Oft haben die Teile der chinesischen Zulieferer eine so schlechte Qualität, dass man z. B. auf einen frisch gelieferten Generator erst mal 10 Chinesen loslassen muss die ihn instand setzen. Da wird dann gehämmert, geschliffen, gestrichen, geschraubt, geschweißt und poliert, bis der Generator so neu aussieht wie er aussehen müsste. In der Produktion wird in zwei Schichten gearbeitet, d. h. zwölf Stunden pro Schicht, und oft auch am Wochenende.

Die zweite Woche auf der Windfarm war nicht minder spannend. Wenn die Chinesen etwas bauen ist es ja immer gleich maßlos groß, so auch die Windfarm. Etwa zwei Autostunden südlich von Urumqi steht der grösste Windpark Asiens. Scheinbar ohne Ziel oder geplantes Ende wird hier einfach eine Windmühle nach der anderen in die Wüste gesetzt. Untergebracht war ich in einer Arbeiter-WG in dem Dorf „Xin jiang hua gong chang“ (chin: Xinjianger Chemiewerk, mehr dazu später). 11 Männer die in zwei Räumen wohnen ist ganz schön anstrengend. Trotzdem war es sehr nett mit den Mechanikern. Sie gaben sich sehr Mühe Englisch zu sprechen, und ich gab mir sehr Mühe Chinesisch zu sprechen. Jeden Tag ging es hoch in die Gondel (ohne Sicherheitsgurt natürlich).

Zu meiner Arbeitsstelle sind es zu Fuß 20 Minuten. Alternativ gibt es auch den Bus für 10 Cent oder das Taxi für 60 Cent. Von den Chinesen bekomme ich oft zu hören: „Du bist doch Weißer, warum nimmst du dir nicht ein Taxi zur Arbeit?“. Um solchen Vorschlägen ein für alle mal zu begegnen habe ich mir jetzt das aller rückständigste in China gekauft – ein Fahrrad. Für umgerechnet 10 EUR ein vollgefederte Mountainbike. Leider ist es auch Ramsch, denn nach 2 Minuten Fahrt ist der Lenker abgebrochen. Der neue Lenker ist von gleichen Typ, aber ich fahre jetzt vorsichtiger.