Durch das wilde Kasachstan

Irgendwann in der Nacht vom 4. auf den 5. März wurde der unbarmherzige Einreisestempel zum letzten Mal auf meinen Reisepass gehauen. Informationskarte, Visum, Zolldeklaration (das ist der Zettel, auf dem man überall “njet” ankreuzen muss) – alles hatte gestimmt. Die Truppe marschierte zum nächsten Abteil, und ich wischte mir den üblichen Grenzschweiss von der Stirn. Jetzt war ich also in Kasachstan, einem Land, in dem die Bevölkerungszahl Moskaus auf der Fläche ganz Westeuropas lebt.

Seit insgesamt drei Tagen sitze ich bereits im Zug, und noch zwei Tage sind es bis Almaty, der grössten Stadt Kasachstans. Von dort aus sind es dann nur noch 30 Stunden Zugfahrt bis zu meinem Ziel Urumqi in Xinjiang (China). Den Fahrplan dafür gab es auf der Homepage der Deutschen Bahn mit dem freundlichen Hinweis: „Achtung, es gilt Auslandstarif“.

Mein Abteil teilte ich mit drei Kasachen: einem „Komandirovka“ der kasachischen Armee und zwei jungen Burschen die auch nach Urumqi wollten. Einer spindeldürr mit chinesischen Zügen und der andere wohlgenährt (gelinde gesagt) und wie ein Araber aussehend gaben sie ein lustiges Pärchen ab. Sie wollten in Urumqi irgendein „biznes“ (Business) starten, was genau konnte ich nicht herausbekommen. Auf jeden Fall luden sie mich sofort in ihre Wohnung in Almaty ein um dann mit ihnen mit dem Taxi nach Urumqi zu fahren. Mit dem Taxi!!! 800 km über den Tian-Shan Gebirgszug, im Winter! Das I-Tüpfelchen war die Begründung es sei auch noch billiger als der Zug. Ich bin ja für Abenteuer aller Art immer gern zu haben, aber das ist dann doch zuviel. Ich lehnte dankend ab da mir die beiden auch nicht ganz geheuer waren.

Seit der Grenze wurde unser Zug von einer nie endenden Flut Händlern bevölkert. Sie drängelten sich durch den Gang und im Minutentakt schaute ein braungebranntes, Dreck verschmiertes Gesicht in unser Abteil und pries mit strahlender Miene seine goldenen Uhren, eingelegten Gurken, Bustickets nach Usbekistan oder chinesischen Handys an. Bei T-Shirts für unverschämte 200 Tenge (ca. 1,2 EUR) konnten meine Reisegefährten nicht mehr widerstehen, und kauften dem Händler fast seinen gesamten Vorrat ab.

Ich interessierte mich mehr für die Landschaft, die ewige kasachische Hungersteppe. Zwei Tage lang nichts als Flachland, kein Baum, kein Strauch, keine Strasse. Während am ersten Tag noch eine von Schnee bedeckte Grasebene zu sehen war, wurde es gegen Süden immer trockener und steiniger. Das Gras verschwand, und man sah man statt dessen Bohrtürme aus dem Boden sprießen.

Ja, Kasachstan ist ein reiches Land. Unter der schlichten Landschaft verbergen sich immense Rohstofflager. Schade, dass nur eine kleine Elite von diesem Reichtum profitiert. Der große Rest der Bevölkerung ist bettelarm. Am Morgen des 4. Tages nach Moskau war die Reise zu Ende. Um 6 Uhr stand ich am Bahnhof von Almaty wieder ganz allein mit meinem Rucksack in der Dunkelheit.

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