Archiv für Februar 2004

Dorfleben auf russisch

Seit fast drei Wochen arbeite ich jetzt in dem Behindertendorf „Talisman Istok“ bei Irkutsk/Sibirien. Mittlerweile habe ich mich an die Kaelte gewöhnt. Auch mit der Sprache geht es jetzt schon besser, vor allem, weil viele Worte dem Deutschen sehr ähnlich sind. Am besten finde ich das russische Wort für „Sandwich“, nämlich „Budderbrod“, oder das russische Wort für „Servicepoint“, nämlich „Infopunkt“.

Woran ich mich noch nicht ganz gewöhnt hab, ist die Lebensart hier. Die Leute leben einfach in den Tag hinein, ohne zu planen, ohne groß nachzudenken. Man lebt hier von der Hand in den Mund. Probleme gehören zur Tagesordnung, und werden bekämpft wenn sie auftreten, und nicht von vorn herein. Wenn es zum Beispiel kaum noch Feuerholz gibt, denkt niemand daran zu sparen, oder neues zu holen. Wenn es dann aus ist heißt es: „Oh, wir haben ja gar kein Holz mehr, jetzt müssen wir halt ne Weile frieren, bis neues da ist, so ist das Leben“.

Erst mal möchte ich etwas zur geografischen Lage sagen. Irkutsk liegt in Südost-Sibirien, ca. 50 km vom Baikalsee, und ca. 8000 km von Mitteleuropa entfernt. Bis zum nächsten Meer, dem Gelben Meer, sind es ca. 3500 km, ziemlich weit. Obwohl Irkutsk etwa auf dem selben Breitengrad wie Hamburg liegt, ist Klima und Vegetation hier komplett anders. Der Niederschlag ist sehr gering (etwa ¼ so hoch wie in Deutschland), dafür kann es über das Jahr Temperaturunterschiede von bis zu 100 Grad Celsius geben. Es gibt Winter, in denen es hier -60 Grad kalt wird, und Sommer, in denen es 40 Grad heiß wird. Die Vegetation besteht hauptsächlich aus Birken- und Kiefernwäldern, sowie aus unbewachsenen Steppen- und Moorlandschaften. Nur 500 km südlich von hier erstreckt sich die Wüste Gobi, und nur 1000 km nördlich von hier erstreckt sich die ewig gefrorene, unbewachsene Tundra.

Das Dorf „Talisman Istok“ liegt ca. 50 km nördlich von Irkutsk, einer Stadt von der Größe Stuttgarts. Bis zur nächsten Strasse sind es 7 km, zu Fuß ist das ganz schön weit. Bis 1990 war das Dorf ein Stützpunkt der Roten Armee. Das hat viele Vor-, aber auch Nachteile für das Leben hier. Das Dorf ist für sibirische Verhältnisse fast schon luxuriös mit Infrastruktur versorgt: Es gibt fließendes Wasser, solange die Pumpe nicht einfriert, und rund um die Uhr Strom, wenn er nicht gerade ausfällt. Inzwischen gibt es sogar ein Telefon, wenn man das so nennen kann: Die Gespräche werden per Radiowellen nach Irkutsk weitergeleitet, d.h. man hört jedes Wölkchen zwischen der Empfangstation und dem Dorf.

Die Nachteile sind die Altlasten der Roten Armee. Die Gebäude sind zwar zum Teil schon renoviert, aber dazwischen sieht man überall noch die alten Bunkeranlagen und vor sich her faulenden LKW-Wracks. Während dem Kalten Krieg waren hier Kurzstreckenraketen und Flugabwehr stationiert, anscheinend keine Atomsprengköpfe, aber da ist sich niemand so ganz sicher.

Hier leben zwoelf Betreute und acht Betreuer, aber das ändert sich auch jeden Tag. Außer mir und Tim (auch ein Zivi aus Deutschland) alles Russen. Außerdem haben wir zwei Kühe, drei Kälbchen, drei Schweine, eine Hand voll Hühner, zwei Hähne, zwei Hunde und eine Katze. Gearbeitet wird im Garten (nur im Sommer), in der Holzwerkstatt und in der Keramikwerkstatt. Natürlich muss sich auch jemand um die Tiere und den Haushalt kümmern.

Außerdem gibt es hier noch eine Branche, die es in Deutschland nicht in dem Maße gibt: Die Bekämpfung der Kälte. Sie nimmt jetzt im Winter etwa die Hälfte der Arbeitszeit ein. Man muss regelmäßig Holz sägen, Hacken, nachlegen, die Heizung überprüfen, Wasser nachfüllen. Morgens muss man das Futter für die Schweine auftauen, und Abends darf man nicht vergessen, den Wasserhahn aufzudrehen, da er sonst einfriert. Regelmäßig muss man die Eisschicht in den Trinktrögen der Tiere aufhacken, und regelmäßig muss man das Auto warmlaufen lassen, da es sonst nicht mehr anspringt. Die Pumpstation wird rund um die Uhr von 18 Kilowatt beheizt, fällt der Strom aus, friert sie ein. Vergisst man mal Holz nachzulegen, friert die Heizung ein. Ist erst mal etwas eingefroren, beginnt die richtige Arbeit. Das Schweißgerät wird dazu missbraucht, die entsprechende Wasserleitung unter Starkstrom zu setzen, und sie somit zum Glühen zu bringen. Ansonsten helfen Drahtseil, heißes Wasser und Salz. Die Russen haben da sehr viel Erfindungsreichtum. Neulich wurde ein Feuer unter dem Auto entfacht, weil es nicht mehr ansprang.

Das Essen hier ist sehr einfach und „äußerst abwechslungsreich“: Morgens Kascha (Pampe) mit Brot, Mittags Suppe mit Brot und Abends auch Suppe mit Brot. Butter gibt es nur morgens, Fleisch nur an Feiertagen und Paese nie, ganz einfach, weil es zu teuer ist. Das Dorf lebt von dem wenigen, was es durch den Verkauf der Produkte aus der Holz- und Keramikwerkstatt verdient, von den Pensionen der Betreuten und von Spenden aus dem Westen. Letztere fließen vor allem weil die Einrichtung anthroposophisch ist. In vielen Bereichen mag das sicher zutreffen, aber mit allem bin ich nicht einverstanden. Es werden zum Beispiel die billigsten Nahrungsmittel gekauft, aber die nächste Anschaffung soll ein Satellitenschüssel sein. Die Glotze läuft hier eh schon fast den ganzen Tag. Auch verstehe ich nicht, warum die Häuser mit einem Überfluss an Asbest isoliert werden, wo doch jeder weiß, dass das Zeug nicht gerade gesund ist. Des weiteren verstehe ich nicht, warum hier jeden Tag eine Karotte in die Suppe geschnibbelt wird, wo man sie dann eh nicht mehr schmeckt, anstatt einmal in der Woche einen leckeren Karottensalat zu machen.

Ich verstehe hier so manches nicht, und viele verstehen mich nicht. Ich werde als „Workaholik“ bezeichnet, wenn ich in der Mittagspause Holz hacke, obwohl ich nur das Nötigste tue um nicht zu frieren. Wenn hier jemand grad kein Holz mehr hat, baut er halt den nächsten Zaun ab. „Im Sommer, wenn man ihn braucht, kann man ihn ja wieder aufbauen“.

Ein riesen Problem ist hier auch, dass es keine qualifizierten Mitarbeiter gibt. Niemand hat eine Ahnung von Viehzucht, ich auch nicht. Nur weil ich gesagt hab, ich hätte mal auf einem Bauernhof gearbeitet, wurde mir sofort die Verantwortung über die Tiere gegeben. Inzwischen kann ich zwar melken, aber woher soll ich wissen, ab wann man ein Kälbchen von der Mutter trennt, und wieviel Milch es dann wann und wie oft erhält? Hier kann es mir niemand sagen. Ich hätte Lust mich in Deutschland gleich hinter die Bücher zu klemmen, um alle diese Dinge zu wissen, die man in Deutschland nicht braucht, die aber hier zum Überleben notwendig sind. Der einzige der Ahnung von seinem Metier hat ist Genadij, unser Schreiner. Aber als ich ihm neulich zugeschaut hab, wie er die Hobelmaschine repariert hat, war ich davon auch nicht mehr so überzeugt: Mit Brecheisen und Fäustel, dabei macht das doch jeder normale Mensch mit einem Schraubenzieher und einem Satz Schraubenschlüssel.

Das Leben hier ist sehr einfach und sehr anstrengend, aber man lernt die wenigen Dinge die man hat umso mehr zu genießen. Man lernt vorauszudenken, weil hier wird einem das Denken nicht wie in Deutschland abgenommen. Belohnt wird man durch die wunderschöne, unberührte Natur, die klare Luft, die herrlichen Sonnenauf- und –untergänge, die Stille ringsum und die Gastfreundschaft der Russen. Die glutrote Sonne ist gerade am Horizont verschwunden. Wieder ist ein erlebnisreicher Tag rum.

Die lange Reise in den Orient

Losgefahren bin ich am Montag den 26. 1. um 7:00 mit dem Bus nach Tallin. Von dort aus ging es mit dem Bus weiter nach St. Petersburg. Kaum war ich in Russland, ist mir auch schon das erste Malheur passiert. Mein Bus kam also planmäßig um 7:00 morgens in St. Petersburg am Bahnhof an. Dummerweise aber am Baltischen Bahnhof, mein Zug nach Moskau jedoch fuhr von Moskauer Bahnhof. Da stand ich also ohne einen Satz Russisch zu können in der Dunkelheit mitten in St. Petersburg. Die Geschäftsleute nahmen gerade ihr Frühstück, alle hatten es eilig, an den Fahrkartenschaltern konnte niemand Englisch und die Milizen waren ausnahmslos angetrunken.

Nach einigen ziemlich verplanten Stunden (zum Glück hatte ich genügend Zeit) fand ich dann doch einen Fahrkartenschalter hinter dessen Panzerglasscheibe jemand Englisch sprach. Die Dame hat mich dann sogar netterweise bis zur richtigen Metro-Bahn begleitet. Das Metro fahren in St. Petersburg muss man sich so vorstellen: Man wird von einem drängelnden, hastenden Menschenstrom auf eine rasend schnelle, laute Rolltreppe geschoben. In einem dunklen Tunnel geht es in die Tiefe, dessen Ende man nicht erkennen kann. Nach etwa einer halben Minute Fahrt kann man das Ende erahnen. Unten angekommen steht man plötzlich in einem riesigen, prächtigen Saal, reich verziert mit Gold, Marmor und Gemälden. Von der Decke hängen riesige, glitzernde Kronleuchter, wie in einer Kirche. Nur die Gleise auf beiden Seiten, und die vielen Menschen stören die andachtsvolle Stimmung. Am Moskauer Bahnhof nahm ich dann meinen Zug und stieg in Moskau problemlos in die Transsib um.

Die Transsib ist echt ein total gemütlicher Zug. Die Wagen hab ich nie gezählt, auf jeden Fall sind es sehr sehr viele. Vorne hängen zwei überdimensionierte sowjetische Dieselloks, die den Zug mit 80 km/h durch die Taiga ziehen. Jeder Waggon hat etwa 12 Vierbettabteile, einen Samowar für heißes Wasser, zwei Plumpsklos, eine Raucherecke und eine kleine Bar für Kaffee, Tee und Snacks. Außerdem wird jeder Waggon von zwei Waggonschaffnerinnen bewacht, die sich im 12-Stunden-Takt abwechseln. Auf dem Boden liegen Perserteppiche und die Gänge sind mit schönen Gardinen und weniger schönen Plastikblumen geschmückt.

Während der Fahrt lernt man schnell Leute kennen: Mal lädt das Nachbarabteil zu einer Runde Kartenspielen mit Wodka ein, mal teilt man seine Mahlzeit mit seinem Abteilgenossen. Unterhalten hab ich mich meistens mit Händen und Füssen. Wenn der Zug mal hält (alle zwei bis drei Stunden), dann richtig, und gleich eine halbe Stunde. Da hat man genug Zeit sich auf dem Bahnsteig bei den Babuschkas mit Lebensmitteln einzudecken. Ansonsten wird auch alles im Zug zu unverschämt billigen Preisen angeboten.

Ab und zu wird der Zug von der Miliz kontrolliert. Bei Kasan zum Beispiel war ich gerade mit einem etwas zwielichtigen Typ aus Tadschikistan in einem Abteil, als ein Milizionär herein getorkelt kam und unsere Pässe sehen wollte. Meinen hab ich gleich wiederbekommen, aber der Tadschike musste sein Gepäck zeigen, was eigentlich nur aus einer Hugo-Boss-Plastiktüte bestand. Darin befand sich jedoch eine ganze Flasche voll Gras. Ich hab gedacht, den nehmen sie bestimmt mit, aber der Milizionär hat nur gelacht, und sich eine Hand voll in die Tasche gesteckt.

Solche suspekten Zwischenfälle gab es aber sonst kaum. Die Reise mit der Transsib ist einfach traumhaft. Man fährt fast nur durch unberührte Natur: endlose Birkenwalder, wunderschöne Sonnenuntergänge, Riesige zugefrorene Flüsse, verschneite sibirische Dörfchen. Städte kündigen sich durch schwarze Qualmwolken an, die aus den Schornsteinen der monströsen Kombinate stammen. Außerdem fängt der Zug schon einige Kilometer vor der Stadt an zu bremsen. Insgesamt machen die Städte keinen schönen Eindruck: quadratisch in die Landschaft gedonnert, wie aus dem Boden gestampft. Erst kommen die riesigen Industriekombinate, dann die Slums, und in der Mitte Plattenbauten, systematisch nebeneinander.

Von der Kälte bekommt man im Zug relativ wenig mit. Wie in allen russischen Haushalten wird dort so kräftig eingeheizt, dass man im T-Shirt und Kurzer Hose rumlaufen kann. In der Raucherecke jedoch wurde ein Fenster ganz nach russischer Art durch Pappe ersetzt. Ich hab die Kippe jeden Tag schneller geraucht. Auch die Übergänge zum nächsten Waggon sind recht abenteuerlich: man balanciert auf einem schmalen, wackeligen, vereisten Steg und kann dabei wunderbar auf die Schienen sehen.

So richtig hab ich die Kälte aber erst beim Aussteigen gespürt. Ich kam am Sonntag den 1. 2., also fast eine Woche später, in Irkutsk an. Insgesamt hab ich damit fast 8000 Kilometer in sieben Tagen zurückgelegt. Dabei hab ich sieben Zeitzonen durchfahren, d.h. jeder Tag war eine Stunde kürzer, das war schon ein bisschen komisch.

Als ich ausstieg, war der erste Atemzug so, als hätte ich gerade eine Tube Mentholzahnpasta gegessen: Total frisch, kristallklar und beißend kalt. Ich wurde gleich mit den Worten empfangen: „It’s very warm, ist just 24 degrees“ (In Russland sagt man bei Temperaturangaben, genau umgekehrt wie bei uns, nur das Pluszeichen dazu). Die Kälte hier ist irgendwie total schön: Sie ist furztrocken, total erfrischend, und solange kein Wind weht absolut auszuhalten, vorausgesetzt man zieht sich warm an. Hier scheint fast immer die strahlende Sonne, und lässt alles funkeln und glitzern. Sogar der Atem und die Luft glitzern vor Eiskristallen. Hier in dem Behindertendorf mitten in der Taiga, in dem ich jetzt wohne und arbeite, wird die Kälte allerdings ziemlich schnell sehr lästig, weil einfach alles ein- und anfriert.